Auf unserem täglichen Arbeitsweg belasten wir die Umwelt. Das Wundermittel dagegen scheint gefunden: Home Office. Doch ist das Modell für die Arbeitnehmer tatsächlich so nachhaltig, wie es klingt? Der Selbstversuch zeigt die Tücken auf.
Das aktuelle Heft „umwelt“ – das Magazin des Bundesamts für Umwelt BAFU – widmet sich der umweltgerechten Mobilität. Die darin präsentierten Zahlen zur Mobilität beeindrucken: Die Schweizer Bevölkerung legt im Jahr und pro Kopf 20’500 km zurück, das entspricht rund der Hälfte des Erdumfangs. Von den im Inland zurückgelegten Distanzen entfallen 40% auf die Freizeit und 36% auf Arbeit und Ausbildung.
Der Arbeitsweg als Umweltbelastung
Eine grosse Mobilität belastet die Umwelt mit CO2, Stickstoffdioxiden und Lärm. Zudem verbraucht die Verkehrsinfrastruktur beträchtlich Land: Alleine für Strassen und Schienen werden in der Schweiz 130 m2 Land pro Person verbaut. Wie lässt sich die Umweltbelastung verringern? Eine Massnahme, die immer wieder aufgeführt wird, ist Heimarbeit (Neudeutsch Home Office).
Das Potenzial ist gross: In der Schweiz könnten 250’000 Arbeitnehmende einen Tag pro Woche zu Hause arbeiten und so pro Jahr 67’000 t CO2 einsparen. Home Office hat noch weitere Vorteile: Entlastung der Infrastruktur, bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und erhöhte Arbeitsleistung. Nachteile scheint es nicht zu geben – auf jeden Fall bleiben sie meist unerwähnt, wenn darüber diskutiert oder geschrieben wird.
Die To do-Liste ist immer präsent
Aus eigener Erfahrung kenne ich die Vorteile des Home Office und weiss, dass es auch Tücken gibt. So rücken Beruf und Privates näher, Arbeit und Freizeit vermischen sich. Unter dem Strich arbeite ich mit Home Office mehr als ohne. Dies kommt meinem Arbeitgeber zugute, weil ich nicht jede Viertelstunde aufschreibe, in der ich z.B. Emails beantworte. Mit Home Office bleibt die To do-Liste auch zu Hause präsent und wenn sie droht, zu lang zu werden, arbeite ich sie abends ab, sobald die Kinder im Bett sind. Ich kann so Beruf und Familie tatsächlich besser vereinbaren.
Auf der Strecke bleiben jedoch Erholung und persönliche Freiräume und diese sind bekanntlich wichtig, weil Arbeit ohne sie zu Erschöpfung führen kann (aktuelles Beispiel: Natalie Rickli). Zudem frage ich mich, ob Home Office die Arbeitsleitung tatsächlich erhöht.
Vor allem die Arbeitgeber profitieren
Home Office erhöht die Flexibilität im Berufsleben und hat das Potenzial, die Umweltbelastung unserer Mobilität zu verringern. Die Nachteile werden jedoch nur selten erwähnt und ich frage mich, ob Home Office auch deshalb so hochgelobt wird, weil gewisse Betriebe und Wirtschaftszweige davon profitieren. So muss die SBB das Problem mit den überfüllten Pendlerzügen nicht angehen, die IT-Branche kann Software-Lösungen dafür verkaufen und die Arbeitgeber erhalten mehr Arbeitsstunden für den gleichen Lohn.
Damit die Nachteile nicht alleine von den Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen getragen werden, braucht es klare Rahmenbedingungen, z.B. Jahresarbeitszeiten, regelmässige Treffen, die den sozialen Austausch fördern. So kann Home Office in Zukunft vielleicht tatsächlich zu einem nachhaltigeren Lebensstil beitragen.
Links
BAFU-Umweltheft
Zahlen des BAFU zur Mobilität
9 Mythen zu Home Office